Die von der Open-Science-Bewegung geforderten Anpassungen der Wissenschaftspraxis sind bisher zum Großteil fakultativ und es gibt durchaus einige Wissenschaftler*innen, die einen Teil der Vorschläge oder den ganzen Ansatz kritisch sehen. Insbesondere junge Forschende stehen unter einem hohen Druck, wenn sie eine Wissenschaftskarriere anstreben und müssen genau überlegen, wie sie sich ihre Zeit einteilen. Außerdem stehen sie meist in Abhängigkeitsverhältnissen und können oft nicht (ausschließlich) selbst entscheiden, wie Prozesse ablaufen und welche Standards angewendet werden. Wir wollen an dieser Stelle kritische Argumente und Fragen in Bezug auf Open Science aufgreifen. Es sind Fragen, die uns auf Veranstaltungen und Workshops selbst gestellt wurden oder die wir für relevant halten. Bei den Antworten versuchen wir, das durchaus berechtigte Anliegen ernst zu nehmen und insbesondere aus der Perspektive der Wissenschaftler*innen in der frühen Berufsphase auf die Thematik zu blicken. Als Graduierten- und beratende Einrichtungen scheint es uns wichtig, nicht nur ideologisch und normativ zu argumentieren, sondern auch strategische Gründe zu formulieren und die Karriereentwicklung der jungen Wissenschaftler*innen im Blick zu haben.

Open Science – FAQs & kritische Aspekte von Open Science

  • Abwägen, inwieweit eine Kombination (pre-print, post-print) möglich ist
  • Sichtbarkeit (Klickzahlen) als Gegenargument; neben bibliometrischen Nachteilen können selbst in solchen Feldern auch Vorteile stehen

Das Wissenschaftsfeld ist z. T. sehr kompetitiv. In den meisten Disziplinen werden neue Ideen und Ansätze hoch geschätzt und können bei entsprechenden Ergebnissen somit in Zeitschriften mit hoher Reputation veröffentlicht werden. Insbesondere bei den Open-Science-Praktiken Präregistrierung und Open Data werden Studien-Designs und Datensätze für andere einsehbar und/oder nutzbar. Auch ohne frühzeitige Veröffentlichungen im Rahmen von Open-Science-Praktiken ist in einigen Wissenschaftsfeldern die Angst vor Ideenklau verbreitet.

Unethisches Verhalten Einzelner ist nicht völlig auszuschließen, aber bei den genannten Open-Science-Praktiken sorgen bestimmte Mechanismen für eine starke Risikoreduktion. Bei Präregistrierungen  (—>Link?) wird eine Embargo-Periode angegeben, in der die Registrierung nicht öffentlich zugänglich ist. Die Autor*innen können somit selbst steuern, wann Studien-Design und Angaben zu Methoden anderen zugänglich sind (sinnvollerweise spätestens bei der Veröffentlichung). Bei dem Zeitschriftenformat Registered Report [—>Link?] wird die Präregistrierung sogar direkt als transparenter Prozess bei den Zeitschriften durchgeführt und unterliegt somit auch der Kontrolle und Aufsicht verantwortlicher Herausgeber*innen.

Bei der Datenveröffentlichung ist es ähnlich, dass die Daten erst nach der primären Nutzung durch die Autor*innen und der Publikation der Ergebnisse veröffentlicht werden. Andere Forschende erhalten dadurch die Möglichkeit, weitere und alternative Analysen durchzuführen und für eigene Publikationen zu nutzen. Mit der zunehmenden Etablierung von Open-Science-Praktiken profitieren letztendlich alle Gruppen von den verfügbaren Datensätzen. In verschiedenen Forschungsfeldern zeichnet sich ab, dass gute Datensätze einen Reputationsgewinn darstellen. Im Idealfall kann die Veröffentlichung der Daten als Datenpublikation durchgeführt und damit als wissenschaftlicher Beitrag verzeichnet werden.

  • Präregistrierung mit Embargo
  • Registered Reports: dokumentierter Prozess mit
  • Datenveröffentlichung nach der eigenen Nutzung
  • Dokumentierter Beitrag zum wiss. Fortschritt

Die Open-Science-Bewegung ist noch jung und hat sich in den letzten Jahren recht schnell entwickelt. Es ist klar, dass nicht alle sofort von den Open-Science-Prinzipien überzeugt sind. Einige werden argumentieren, dass die Wissenschaft vorher auch funktioniert hat. Veränderungen an den Forschungspraktiken sind mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Es ist verständlich, dass man ungern Zeit investiert, wenn die Änderungen keine Notwendigkeit darstellen und in der jeweiligen Disziplin evtl. nicht gefordert sind.
Grundsätzlich sollten ECRs überlegen, welche Aspekte von Open Science sie überzeugen und für die eigene Disziplin relevant sind. Die Eigenständigkeit von ECRs ist wichtig und sie sollten früh reflektieren, was ihre eigenen Standards und Überzeugungen sind. Die Open-Science-Frage kann ein willkommener Anlass sein, eine eigene Position argumentativ zu vertreten. Der Konsens mit den Betreuenden sollte dabei gesucht werden. Auch wenn sich die Situation schnell ändern kann, sind im Moment Open-Science-Praktiken fakultativ.
Angesichts der Dynamik in diesem Bereich sind allerdings strategische Überlegungen für die Zukunft ein wichtiger Aspekt: Etablierte Forscher*innen stehen weniger unter Druck, sich neuen Trends anzupassen. Für Wissenschaftler*innen in der Qualifikationsphase können sich Standards im Karriereverlauf ändern und Teil von Bewertungskriterien werden. Somit kann die frühe Umsetzung und Aneignung von Open-Science-Praktiken zu einem Vorteil werden, wenn bei Berufungen und Antragstellungen diese in die Bewertung einfließen und sich durch neue Publikationsformate (Open Data) die Reputation in der Disziplin steigern lässt.

  • Nicht alle
  • Stärkung des selbstverantwortlichen und unabhängigen Handelns als Forscher*in: Was halte ich für sinnvoll? Was ist mir wichtig?
  • Strategische Erwägungen für die Zukunft: Für Betreuende ist es evtl. unattraktiv, weil sie lieber die bekannte Praxis fortsetzen. Aber für jüngere Wissenschaftler*innen stellt sich die Frage, welche Anforderungen.

  • Open-Access-Funds z. B. an den Universitätsbibliotheken
  • schon bei Antragstellung berücksichtigen, Mittel mit beantragen
  • vereinzelt „Platin“ Open Access

  • Beratung durch Betreuer*in, durch UB, eigenes Gefühl entwickeln
  • Es gibt eine Reihe von Online-Tools und Initiativen, die Autoren dabei helfen, potenzielle Predatory Journals/Verlage zu identifizieren

  • Fast alle Universitätsbibliotheken und weitere Beratungseinrichtungen an jeder Uni bieten Unterstützung an